Vadim Neselovskyi: Als Flüchtling kam er einst in Massen an – heute ist er weltberühmt

Ein furioser Auftakt des Jazz-Festivals Take5: Die Neue Philharmonie Westfalen spielt Neselovskyi, hier mit dem Solisten Dimitri Tylmanov, Trompeter aus Unna und Vadims langjähriger Freund. Das Publikum war hingerissen. Es gab stehende Ovationen. Foto: Simone Melenk

Unna – Dortmund – New Orleans – New York

Vor 20 Jahren kam Vadim Neselovskyi als Kontingentflüchtling in Unna-Massen an. Mit einem Bus, weil er unbedingt sein Klavier nach Deutschland mitnehmen wollte. Heute ist der 37Jährige ein gefragter Jazz-Komponist und Pianist – geboren in Odessa, erwachsen geworden in Westfalen. Nach einem Stipendiat in New Orleans landete der Kosmopolit in Boston und wohnt jetzt in New York. Simone Melenk sprach mit dem Weltbürger, der trotzdem täglich in einem Dortmunder Wohnzimmer sitzt – beim Skypen mit seinen Eltern.

Mit 17 Jahren sind Sie und Ihre Eltern als Juden aus der Ukraine geflüchtet und in der damaligen Landesstelle Unna-Massen angekommen. Wirklich mit einem Klavier?

Vadim Neselovskyi (V.N.): Klar. Deshalb hatten wir uns extra einen Bus besorgt, in den unser ganzes Leben passte. Die Katze blieb da, das Klavier musste unbedingt mit. Als es auf ‚Deutsche Erde’ gestellt wurde, sollte ich sofort etwas spielen – auf der Straße, neben dem Bus „my way“. Der damalige Hausmeister, er hieß Kröner, hatte ein Ohr für Musik, spielte selbst Trompete. Fortan durfte ich in seinem Arbeitszimmer üben. Unsere Katze vermisse ich heute noch…

Wenn Sie die Flüchtlingsströme sehen, die Menschen, die wie Sie aufgebrochen sind ins Ungewisse, was fühlen Sie?
V.N.: Heute war ich in Massen. Ich hatte ein deja vu. Die vielen jungen Männer in Trainingsanzügen, so kam ich auch hier an – in Ballonseide. Alle Erinnerungen kamen wieder hoch. Ich kann mich an den ersten Joghurt erinnern. Joghurt gab es damals in der Ukraine nicht. Es war schön, andere Flüchtlinge kennenzulernen. Es hat sich wie Ferien angefühlt. Ich habe damals überhaupt nicht richtig verstanden, dass ich emigriert war. Erst Jahre später.

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Vadim Neselovskyi am Bösendorfer in der Stadthalle: Für den 37-jährigen Jazz-Pianisten und Komponisten war der Auftritt in Unna nach vielen Jahren in der Welt einmal wieder ein Heimspiel. Foto: Simone Melenk

War es schwer, in einem fremden Land Fuß zu fassen?

V.N.: Unna hat mir sofort gefallen! Und ich habe eine unglaubliche Unterstützung erfahren. Ich fühlte mich nie wie ein Ausländer. Die Musik kennt keine Ausländer, Musik verbindet die Menschen. Durch die vielen musikalischen Kontakte habe ich auch schnell Deutsch gelernt. Ich kann nur Positives sagen. Deutschland hat mir alle Chancen gegeben, mich zu integrieren und meine musikalische Ausbildung fortzusetzen. Und ich habe sogar ein Auslandsstipendium erhalten, um Jazz in den USA zu studieren – ein Glücksfall.

Odessa, Unna, Dortmund, New Orleans, New York…Heute sind Sie von Boston nach Zürich geflogen, dann über Düsseldorf nach Dortmund gekommen. Wo ist Ihre Heimat?

V.N.: Ich bin dort zu Hause, wo ich mit Menschen zusammen bin, die ich liebe und die mich lieben. Deswegen haben mittlerweile Städte wie Dortmund, Unna, New York und Boston Platz in meinem Herzen. Aber Heimat bedeutet für mich, wenn ich in die Wohnung meiner Eltern in die Dortmunder Arndtstraße komme und das Zuhause rieche, das Elternhaus. Auf dem Tisch dampft ein leckerer Borschtsch. Dann fange ich an, mich so zu entspannen wie es nirgendwo sonst möglich wäre. Die Arndtstraße ist für mich Heimat.
Noch in Odessa haben Sie Klassik studiert, damals als jüngster Student am Konservatorium? Wann punktete der Jazz?

V.N.: Auslöser war wohl ein Konzert des Jazzpianisten Jury Kuznetsov, das ich in Odessa besucht habe. Ich war so begeistert von diesen Harmonien, von der Spontaneität und dieser ganz anderen Art Musik zu machen. Ich bin nach Hause gekommen und habe angefangen zu üben. Später hat mir jemand Jazzplatten auf Kassette überspielt, wir hatten damals noch keine CDs. So habe ich Oscar Peterson, Chick Corea, Dizzy Gillespie und Keith Jarret entdeckt. Ich hatte dann nur noch Jazz im Kopf.
Sind Sie mehr Komponist oder Pianist?

V.N.: Ich bin definitiv ein Komponist, aber einer, der selber gerne seine eigene Musik spielt. So wie ein Dichter, der auch selber gerne seine Gedichte vorliest…
Was bedeutet es Ihnen, mit der Neuen Philharmonie Westfalen zu spielen?

V.N.: Der Auftritt ist ein musikalischer Traum, der in Erfüllung geht. Ich habe mich den ganzen Sommer auf das Projekt vorbereitet und die Partituren geschrieben. 50-60 MusikerInnen zu führen, das fordert heraus. Aber ein Künstler wühlt und sucht ja immer weiter…

PS: Es war ein furioses Konzert, das Publikum war geradezu hingerissen von dem Jazzer, seinen Kompositionen und der Neuen Philharmonie, die mit sichtlicher Begeisterung fremd ging und einen Ausflug in den Jazz unternahm. Es gab stehenden Applaus, Vadim Neselovskyi wurde gefeiert.

Take5 – das Jazz-Festival

In der Hellweg-Region – Schmelztiegel der Kulturen und Nationalitäten – verschaffte sich eine lebhafte Jazz-Szene wieder deutlich Gehör: Take5, das Jazzfestival, lockte die Besucher an den Hellweg. Integration war diesmal das Thema. Man müsste das Wort nicht extra betonen. Denn Musiker aus allen Herren Ländern, die sich dem Jazz verschrieben haben, sprechen ein und dieselbe Sprache.
Besucher von Take 5 genossen 50 Konzerte in 16 Städten – von Ahlen bis Arnsberg, von Lippstadt bis Lünen, ob in Kunstvereinen, Kulturschmieden und Kirchen, Museen oder Jazzclubs.