Als der Mord am Hellweg blutiger Ernst war…

Als der Mord am Hellweg blutiger Ernst war…

mord1

Plakat „Mord am Hellweg“ und Titelbild der aktuellen Anthologie „Glaube, Liebe, Leichenschau“ – „angeschlagen“ am Original Schauplatz Onkel Albrecht an der B1. Foto: Simone Melenk

 

Dominas-Bande ging über Leichen

Unna. Gesucht wird ein „Mörder ohne Gesicht“. Ein altes Bauernpaar ist auf seinem Hof ermordet worden. Das Motiv der Tat liegt völlig im Dunkeln, deren Brutalität irritiert die Polizisten… So beginnt Henning Mankells erster Krimi mit Kurt Wallander. Er wird ein Bestseller.

ha-zeitung-onkel_albrecht

Ausriss aus dem Hellweger Anzeiger, der erste Bericht über das blutige Verbrechen, damals verfasst von Klaus Seifert, der auch schon tot ist. (Stadtarchiv Unna)

So geschockt wie seine schwedischen Kollegen ist auch Polizeiwachtmeister Manfred Such. In einer Augustnacht – er hat eigentlich Kirmesdienst – wird er zum Landgasthof in Unna-Lünern dirigiert. Überfall bei „Onkel Albrecht“ lautet die kurze Info.

Am Tatort erwartet den jungen Polizisten die totale Finsternis und eine gespenstige Stille. Vorne ist nichts. Also geht er hinten herum. Verdächtig: Am Fachwerkhaus lehnt eine Leiter ins oberste Stockwerk. Der Beamte wagt sich vorsichtig ins Haus, tastet sich vor ins Treppenhaus nach oben. Dann sieht er nur noch rot, nur noch Blut…

Der Doppelmord in der Gaststätte am Hellweg – Onkel Albrecht und seine Schwester Lina wurden mit mehreren Schüssen niedergestreckt – war keine Fiktion. Das alte Paar wurde Opfer der brutalen Bande um Petras Dominas, die bei ihren Raubzügen im Ruhrgebiet über Leichen ging. Letztendlich aber führten die Spuren in Unna zu Dominas‘ Verhaftung und zum „Lebenslänglich“.

Der „Mord am Hellweg“ rauschte damals durch den Blätterwald. Das Verbrechen ist allerdings auch schon 52 Jahre her – die meisten Beteiligten sind verblichen, gestorben übrigens eines natürlichen Todes.

In der Kriminalstatistik spielt der Kreis Unna seit Dominas keine beunruhigende Rolle mehr. Krimistar Henning Mankell kam 2008 an die B1 und holte sich beim Festival „Mord am Hellweg“ den ersten Europäischen Preis für Kriminalliteratur ab, den sogenannten „Ripper Award“. Seitdem sind 21 Tötungsdelikte erfasst – so viel wie in Dortmund in einem Jahr. „Mehr Tote gibt’s eindeutig im Straßenverkehr“, sagt Kim Freigang, Sprecher der Polizei Dortmund, die bei Bedarf die Mordkommission für die Nachbarn bildet.

Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, im schönen Schwerte einem Serientäter zum Opfer zu fallen, ist zwar deutlich größer als ein Sechser im Lotto, aber doch so berechenbar wie ein Horst Seehofer als Ehrenvorsitzender von Pro Asyl.

Stellt sich die Frage, warum sich ausgerechnet am Hellweg eine so lange Blutspur zieht.

Die Antwort erfordert keine langen Ermittlungen. Klar ist: Das Krimispektakel entspringt der Fantasie. Ideengeber und Festivalmacher Sigrun Krauß (Kulturchefin Stadt Unna) und Dr. Herbert Knorr (Leiter Westfälisches Literaturbüro) bemühten Ende der 1990er-Jahre außerdem die nordisch-germanische Mythologie. Die sah den „Helvegr“ als Totenweg, auf dem die Leichen transportiert wurden. In der Silbe Hel, so die nächste Vermutung, spiegele sich auch der Name der Höllengöttin.

Eine Straße, die ins Jenseits führt

Eine Herrscherin der Unterwelt und eine Straße, die ins Jenseits führt: Das sollte reichen für Nebulöses und Nervenkitzel! Erfunden war das Festival „Mord am Hellweg“, ein Netzwerk-Projekt mit einem Konzept so simpel wie erfolgreich. Viele Anrainerstädte bilden eine verschworene Gemeinschaft, das Genre Krimi die Klammer. Das literarische Morden pflegt die regionale Verbundenheit. Und auch die internationale Szene rückt an und bringt Spannung in die (vermeintliche) Provinz.

jussi-unna

Jussi Adler-Olsen mit seiner deutschen Stimme Peter Lohmeyer. Foto: Simone Melenk

So durfte sich nach dem Schweden Henning Mankell Landsmann Håkan Nesser über den „Ripper Award“ freuen. Nach ihm war die Französin Fred Vargas Publikumsliebling. Zuletzt holte sich der dänische Krimistar Jussi Adler-Olsen die Auszeichnung ab.

In diesem Jahr waren die deutsche Krimilady Ingrid Noll nominiert. Sie hatte allerdings starke männliche Konkurrenz: Bestseller-Autor Arnaldur-Indriðason (Island), Jo Nesbø (Norwegen) und den deutschen Thriller-Spezialisten Sebastian Fitzek. Der Berliner Bestsellerautor galt früh als Hauptverdächtiger für den Publikumspreis. Am 7. April 2017 nimmt er ihn tatsächlich in der Stadthalle entgegen.

Der Europäische Preis für Kriminalliteratur ist übrigens mit 11.111 Euro dotiert. Das dürfte ungefähr der Summe in D-Mark entsprechen, die Petras Dominas in Onkel Albrechts Matratze vermutete.

 

Unna ehrt den Lichtpionier François Morellet

Unna ehrt den Lichtpionier François Morellet

franois-morelletdscn17231

Unna. In der modernen Kunst trifft man nur noch selten Pioniere: François Morellet war ein Pionier, ein Lichtpionier. Ihm zu Ehren zeigt das Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna die erste Retrospektive nach seinem Tod. Und die letzte Werkschau, die der französische Künstler noch selbst zusammengestellt hat. Das war kurz vor seinem 90. Geburtstag im April dieses Jahres, elf Tage später starb Morellet.

In den Tonnengewölben der alten Lindenbrauerei sind jetzt seine Arbeiten aus seinen Anfängen als Lichtkünstler zu sehen, ebenso aktuelle Installationen aus den Jahren 2006 bis 2015. „Es war eine Herausforderung, fertige Morellets zu zeigen in Räumen, die fertig waren“, erzählt Museumsdirektor John Jaspers, der bei einem Besuch in Frankreich das Projekt noch mit dem Meister persönlich planen konnte. Denn Morellet arbeitete meistens für den Raum. So war er in den Anfängen des unterirdischen Unnaer Museums auch einer der ersten, die sich künstlerisch in einem der vielen Bierkeller „ausleben“ durften. Seine Arbeit „No End Neon/Pier and Ocean“ aus den Jahren 2001/2002 bezieht sich auf die gleichnamige Zeichenserie von Piet Mondrian und gehört als Dauerinstallation zum Bestand des Lichtkunstzentrums.

Das Zentrum für internationale Lichtkunst Unna am 30. April 2012

No end Neon/Pier and Ocean: eine der ersten Dauerinstallationen im Zentrum für Internationale Lichtkunst, realisiert 2002.

1968300dpi68008-non-absconcstudio-morellet

Nèon abscon: eine Arbeit von 1968.

Madame findet die Schau schlicht „formidable“

In der Wechselausstellung Morellet erlebt der Besucher neue und alte faszinierende Lichtkunst in 150 Jahre alten grauen Gewölben, die selbst viele spannende Spuren zeigen. Durch sie erfährt Morellet eine ganz neue Strahlkraft. Sehr moderne Neon-Arbeiten aus den 1970er Jahren sind im ersten Raum aufgebaut – Neonlinien, Neon-Stäbe, die gestikulieren, immer wieder neue Figuren bilden und ein Eigenleben mit Kopf und Füßen entwickeln. In der Ecke dann eine sehr große Arbeit, die einst schon bei der Lichtkunst-Biennale im Kulturhauptstadtjahr in einer alten Scheune in Bergkamen die Besucher in Staunen versetzte: Ein perfekter Kreis aus Neonröhren, auseinandergenommen, zusammengefallen und neu zusammengesetzt, scheint sich plötzlich zum Himmel zu recken.

So minimalistisch, so streng die Werke von Morellet scheinen, sind sie nicht. Die roten Kreise, seine Linien, die geometrisch gesetzten Punkte: sie blinken, sie flunkern, sie scheinen sich dem Zufall oder einem Kurzschluss zu ergeben. Morellet hatte eben auch viel Humor und ein Faible für eigenwillige Schaltungen und seine eigene Lichtspielerei. Auf schwarzen, eigens eingebauten Wandscheiben leuchten diese Werke aus den 1960er Jahren besonders stark.

Am Ende der Schau hängt eine Arbeit, die aus dem Quadrat, dem Kreis, dem rechten Winkel ausbricht und so ganz anders ist: wirre weiße Neonlinien.  Morellet ließ eines seiner Werke sich waagerecht im Wasser spiegeln – die fotografierte Reflektion baute er dann senkrecht für die Wand nach. Mit Morellets Reflektion endet nach zehn Stationen auch die Retrospektive.

Die verlangt auch der Witwe Danielle Morellet (89) Bewunderung ab. Madame, eigens aus Frankreich angereist, findet die Schau schlicht „formidable!“

dscn17281

Danielle Morellet mit ihrem Sohn Friquet und Museumsdirektor John Jaspers. Fotos: Simone Melenk

dscn17071

Morellet – bis 29. Januar 2017, Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna, Lindenplatz 1. Öffnungszeiten: Di-Fr 13 Uhr, 15 Uhr und 17 Uhr, Sa-So 13-17 Uhr stündliche Führungen. Jeden ersten Sonntag im Monat offene Begehung.

 

 

Ein Kämpfer für Kuckuck & Co

Ein Kämpfer für Kuckuck & Co

Für seinen Einsatz und sein Engagement für die Umwelt und Natur erhielt Karl-Heinz Albrecht (2.v.l.) die Urkunde und die Medaille "Ehren.Sache" des Landes NRW. Links sein Mitstreiter Dr. Josef Cornelissen, Umweltminister Johannes Remmel und Bürgermeister Werner Kolter (r.)

Für seinen Einsatz und sein Engagement für die Umwelt und Natur erhielt Karl-Heinz Albrecht (2.v.l.) die Urkunde und die Medaille „Ehren.Sache“ des Landes NRW. Links sein Mitstreiter Dr. Josef Cornelissen, Umweltminister Johannes Remmel und Bürgermeister Werner Kolter (r.)

Große Ehre in der kleinen Öko-Zelle

Unna-Mühlhausen. Ohne ihn wäre Unna auf jeden Fall (wasser)ärmer, soviel steht fest. Und weil Karl-Heinz Albrecht auch mit fast 80 noch unermüdlich für die Natur, den Kuckuck & Co kämpft, wurde ihm jetzt eine besondere Ehre zuteil. NRW-Umweltminister Johannes Remmel zeichnete den Öko-Aktivisten mit der „Ehren.Sache“ aus, einer Medaille, die landesweit nur fünfmal vergeben wird – für den Einsatz und das Engagement für Natur und Umwelt.

Kein großer Bahnhof war angesagt, eher eine kleine Feierstunde in der Öko-Zelle, die Anfang der 1980er-Jahre hier in Mühlhausen/Uelzen von Heimat- und Naturschützern geschaffen wurde. Deshalb nahm Albrecht die Auszeichnung auch stellvertretend für viele (Natur-)Freunde entgegen, die mit ihm zusammen seit drei Jahrzehnten der Natur immer wieder zu ihrem Recht und ihrer Fläche verhelfen.

„Wir reden viel über Nachhaltigkeit,

sie muss aber auch gelebt werden“.

NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Nicht nur, dass Albrecht und seine Mitstreiter in den Quellendörfer die Wasseradern suchten und wieder freilegten, Teiche und Blenken anlegten, mit der Aktion Landkauf in Uelzen, Mühlhausen, Lünern und Hemmerde konnten in den vergangenen Jahrzehnten auch sage und schreibe 324 245 Qudratmeter Land erworben und der Natur zurückgegeben werden. Das entspricht immerhin einer (oft zusammen hängenden) Fläche von knapp 40 Sportplätzen – vom Rebhuhnacker und dem Nachtigallenbruch über den Rotkehlchenhain, den Cornelkamp bis zur Spatzenwiese und der Kuckucksweide.

Wasserschau in der Uelzener Heide/Mühlhauser Mark...

Wasserschau im Naturschutzgebiet Uelzener Heide/Mühlhauser Mark…

Experten unter sich: v.l. Karl-Heinz Albrecht, Dr. Josef Cornelissen, Johannes Remmel.

Experten unter sich: v.l. Karl-Heinz Albrecht, Dr. Josef Cornelissen, Johannes Remmel.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur 6 bis 7 Prozent der Gewässer in NRW seien in einem ökologisch guten Zustand, sagte Umweltminister Remmel bei der Ehrung, deshalb seien Menschen vor Ort so unverzichtbar wie wertvoll, die das Wasser als Lebensader der Artenvielfalt fördern und schützen. Karl-Heinz Albrecht sei so ein Mensch, er brennt für den Natur- und Umweltschutz. Seit 35 Jahren übrigens auch schon an der Seite von Werner Kolter, der bereits als Unnaer Umweltdezernent vielen gemeinsamen Öko-Projekten Rückenwind gab.

Heute, als Bürgermeister und begeisterter Radfahrer, ist er stolz auf ein ebenso grünes wie artenreiches Unna. Gerade auch dank so engagierter Bürgerinnen und Bürgern wie Karl-Heinz Albrecht.

Umweltaktivist Karl-Heinz Albrecht an der Gräfte des ehemaigen Wasserschlosses Haus Heyde in Uelzen. Seit knapp 40 Jahren ist der Unnaer ein unermüdlicher Kämpfer für Kuckuck & Co. (Bild. Simone Melenk)

Umweltaktivist Karl-Heinz Albrecht an der Gräfte des ehemaligen Wasserschlosses Haus Heyde in Uelzen. Seit knapp 40 Jahren ist der Unnaer ein unermüdlicher Kämpfer für Kuckuck & Co. (Bild. Simone Melenk)

 

Unterirdisch, aber oberoriginell – Ein Prosit auf die „Abteilung 10“

Unterirdisch, aber oberoriginell – Ein Prosit auf die „Abteilung 10“

DSCN1167[1]

Hier unten, 20 Meter unter der Erde, gibt es immer einen Grund, sich für das Set zu entscheiden: lang-kurz, lang-kurz. Ach, einen nehmen wir noch…

Als von internationaler Lichtkunst noch keiner zu träumen wagte, ploppten hier die ersten Flaschen auf – zwischen Schutt und Dreck, Brauerei-Gerümpel und auf ausrangierten Plastikstühlen. Zu der Zeit boten die Unnaer Gästeführer in den alten Gewölben die ersten Besichtigungstouren an. Klar, dass sich auch schnell ein Keller mit Erinnerungen an produktive wie trinkfeste Zeiten füllte. Aber erst mit der Lichtkunst-Idee und der künstlerischen Ausgestaltung des unterirdischen Labyrinths hatte auch die „Abteilung 10“ einen festen Platz gefunden. Lang lang ist’s her…viel Bier und später auch wieder das berühmte Lindenpils ist seitdem durch die Kehlen geflossen. Höchste Zeit, im neuen Jahr einmal abzustauben, die Ecken zu fegen und Wollmäuse zu jagen, die hier ansonsten sehr alt werden dürfen.

Von Gläserspendern und Gläserspülern

DSCN1181[1]

Prost: Karl-Heinz Agethen (Aggi l.) und Jörg Franke

Aggi, die Unnaer Letztinstanz für eine gepflegte Trinkkultur, hatte sich die gefühlten 3000 Gläser vorgeknöpft. Verletzungsfrei bugsierte er sie nach ausgiebigem Spülgang wieder staubfrei in die Glasvitrinen. In der Kneipe wurde auch sonst viel geputzt und gewienert. Auch neue Gläserspenden landeten im Keller und sogar eine alte Kiste Lindenpils de luxe (leider leer) tauchte auf. Aus dem Osten schaffte Karl-Heinz Schetter eine Lindenpils-Brieftasche herbei (leider auch leer!), und Bettina Dellwig stellte ihre alten Fotos  von den Kellern zur Verfügung, aus einer Zeit, als hier noch keiner gewirbelt und oder auch nur irgendeine Nutzungsidee hatte. Gästeführer Wolfgang Patzkowsky, der neuerdings auch dem Verein mit dem wohl klingenden Namen „Cerevisia Unnae Clara“ vorsteht, was ungefähr so viel bedeutet wie „Lasst uns einen heben!“, begrüßte zur Wiedereröffnung der wohl originellsten Kneipe in Unna an die 70 Gäste. 50 sind übrigens offiziell erlaubt. Die sind immer willkommen. Die „Abteilung 10“ kann für Feiern oder Firmen-Events gemietet werden: bei den Gästeführern oder direkt beim Verein Lindenbrauerei. Einfach nachfragen!

TIPP: Besuchen Sie das Zentrum für Internationale Lichtkunst einen ganzen Sonntagnachmittag lang ohne Führungen und probieren Sie in der „Abteilung 10“ ein leckeres Lindenpils. Das Angebot des Museums in Kooperation mit Unnas Gästeführern ist neu! Jeden ersten Sonntag im Monat ab 12 Uhr geht’s allein durch die Lichtkunst, ab 13 Uhr wird in der „Abteilung 10“ gezapft. Letzter Einlass ist um 16.15 Uhr.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zukunft Berliner Allee – neue Pläne für ein altes Quartier

Zukunft Berliner Allee – neue Pläne für ein altes Quartier

 „Die Menschen sollen sich hier wohl fühlen!“

Fast jede Stadt hat ein solches Quartier – in den 1960er, 1970er Jahren wurde hoch gebaut, um vielen Menschen Wohnraum bieten zu können. Heute sind die Wohnblocks aus dieser Zeit problematisch – zumal, wenn nicht in einem Top-Zustand. Das groß angelegte Projekt „Zukunft Berliner Allee“ will das Viertel, in dem immerhin 4 500 Menschen leben, deutlich aufwerten und die sozialen Probleme da anpacken, wo sie greifbar sind – im Viertel selbst. „Die Menschen sollen sich hier wohl fühlen“, sagt Bürgermeister Werner Kolter, deshalb müsse man jetzt „feinsteuern“, negative Entwicklungen abwenden.

Früh die Probleme angepackt

Früh hat die Stadt Unna das Gespräch mit den hier ansässigen Wohnungsbaugesellschaften gesucht und das Müll-Problem rund um die großen Mietriegel angepackt. Es fällt schon auf, wie sauber es hier ist, obwohl hier so viele Menschen auf dichtem Raum wohnen – Menschen, die aus aller Herren Länder kommen. Ab 2016 soll es hier nicht nur ein erweitertes Quartiersmanagement geben, auch die Themen Wege/Spielflächen/Freiflächen werden als Extra-Aufgabe verstanden und angegangen. Das Jobcenter ist mittlerweile vor Ort und betreibt in der Potsdamer Straße ein kleines Büro, ist „nah an den Menschen“, wie Christian Scholz, der stellvertretende Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna, betont. Die guten Vermittlungszahlen, die Zufriedenheit der eigenen Mitarbeiter, die den Menschen vor Ort besser und direkter helfen können, sprechen für sich, meint er. Mit dem Partnern Jugendamt, der Werkstatt im Kreis Unna könne das Jobcenter hier viel effektiver helfen, so Scholz.

Immer gut besucht: der Falken Kinderclub in einer Wohnung gleich nebenan

Auch der Falken Kinderclub in einer Wohnung, der für Königsborner Schulkinder täglich geöffnet ist, hat sich als richtige und wichtige Maßnahme erwiesen. Davon konnte sich auch NRW-Bauminister Michael Groschek überzeugen, der unter anderem mit Bürgermeister Werner Kolter und Verantwortlichen der Stadt jetzt das Quartier durchstreifte. Ein Stopp im Kinderclub war gesetzt, der Besuch im Jobcenter natürlich auch. Der Minister zeigte sich beeindruckt von den Angeboten im Viertel. Allein das Investieren ins Wohnumfeld reiche heute nicht, so der Minister, man müsse sich mehr um die Menschen kümmern, wieder mehr aufeinander achten, Ansprechpartner vor Ort haben.  „Eigentlich brauchen wir wieder den guten alten Dorfsheriff“, so Groschek. Heute heißt das Quartiersmanagement, meint aber irgendwie das Gleiche.

Die Initiative „Zukunft Berliner Allee“, ein Millionen schweres Projekt-Paket, wird vom Land gefördert und bis 2020 sichtbare positive Zeichen in der Berliner Allee und auch in Königsborn-Nord setzen. Los geht’s mit neuen Ideen und Maßnahmen im neuen Jahr.

Fotos: Simone Melenk

Älter werden in Unna – wie wollen Senioren wohnen?

Älter werden in Unna – wie wollen Senioren wohnen?

senior
Seniorentag in Unna: Viele Informationen, viel Betrieb an den Ständen, hier der Bürgermeister im Gespräch mit der Herbstblatt-Redaktion und einem alten Handball-Freund.

Unna. Die Kinder sind aus dem Haus, die Wohnung ist viel zu groß. Das eigene Haus lässt sich nur noch mit Mühe bewirtschaften, schon allein, weil das Treppensteigen immer schwerer fällt. Eigentlich müsste man umziehen. Aber einen alten Baum verpflanzen?
Der Spruch war gestern, heute gibt es neue Angebote für Senioren. Eine älter werdende Gesellschaft sucht und braucht andere, für sie passende Wohnformen in der Stadt. Für Bürgermeister Werner Kolter ist der demografische Prozess, das „Älter werden in Unna“ eines der großen Zukunftsthemen. „Wichtig ist dabei ein enges abgestimmtes Zusammenwirken aller Akteure wie private Investoren, öffentlicher Wohnungsbau, AWo, Caritas, Diakonie sowie das Netzwerk der Pflegedienste mit der Stadt Unna.“
Werner Neumann, Leiter des Bereichs Wohnen, Soziales und Senioren bei der Kreisstadt Unna, hat das weite Feld barrierefreies Wohnen, neue Wohnformen, Wohnen mit Service, aber auch Mehrgenerationen-Wohnprojekte oder Senioren-WGs schon früh beackert. Die Stadt Unna hat sich rechtzeitig aufgemacht, mit ihren Möglichkeiten und auch öffentlich gefördert für unterschiedliche Wohnbedürfnisse den passenden Raum zu suchen und zu schaffen. Begleitet wurden dabei auch immer wieder viele private Modelle wie Baugemeinschaften, die für Gruppen planen.

Neue Projekte in Planung

Für öffentlich geförderten Wohnungsbau ist Barrierefreiheit heute Pflicht, die Wohnungen sind begehrt. So sind in Königsborn schicke kleine Seniorenwohnungen entstanden, die UKBS investierte an der Dahlienstraße in 34 Wohnungen, die AWo an der Grillostraße (17 Wohnungen). Neu hinzukommen 18 Wohnungen auf dem alten WMG-Gelände an der Zechenstraße, fast 30 neue Einheiten auf dem ehemaligen Sportplatz an der Palaiseaustraße. In Massen punktet die „Große Wiese“ mit acht WG-Plätzen für Senioren und zehn barrierefreien Wohnungen. Erstmals investiert auch der traditionsreiche Bauverein zu Lünen in Unna: An der Mozartstraße entsteht eine Senioren-WG mit 11 Plätzen und ambulanter Betreuung, darüber werden 11 neue Wohnungen für Senioren gebaut. In Planung ist außerdem noch ein großes Projekt an der Potsdamer Straße, an der Dürerstraße wird eine Baulücke geschlossen.

Denn Barrierefreiheit lässt sich nur schwer und meistens sehr aufwändig in alten Häusern umsetzen. Allein die Frage nach dem Aufzug ist mit immensen Kosten verbunden, wenn er nachträglich ins Haus eingebaut oder von außen aufgeständert wird. „Deshalb brauchen wir (geförderten) neuen Wohnungsbau“, sagt Werner Neumann.

Und deshalb kreisen in Unna auch künftig die Baukräne.

CIMG5965
Wie werden wir, wie wollen wir im Alter wohnen? Werner Neumann, Leiter des Bereichs Wohnen, Soziales und Senioren bei der Kreisstadt Unna (m.), war beim Seniorentag ein viel gefragter Mann. (Fotos: Simone Melenk)