Phänomenale Erlebnisse im Zentrum für Internationale Lichtkunst

Phänomenale Erlebnisse im Zentrum für Internationale Lichtkunst

Vier Wochen hat sie (fast ununterbrochen) daran gebaut: Preisträgerin Jacqueline Hen schafft im Tonnengewölbe mit „Light High“ spektakuläre Raum-Raster mit verblüffenden Spiegelungen ins Unendliche. (Foto: Simone Melenk)

Sie müssen keine Leuchte in Physik sein, um sich für diese Ausstellung zu begeistern. Licht spiegelt sich hier ins Unendliche, Schatten schweben, glitzernder Staub tanzt auf kunstvollen Spinnweben. So scheint es. So ist es natürlich nicht. Zum dritten Mal verleiht das Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna den International Light Art Award. Der geht diesmal an die junge deutsche Künstlerin Jacqueline Hen (Jahrgang 1989). Aber auch die Finalisten Yasuhiro Chida aus Japan und das Berliner Duo Charlotte Dachroth und Ole Jeschonnek verblüffen mit ihren Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Nicht zuviel versprochen: Besucher erleben Phänomenales.

Museumsdirektor John Jaspers ist ziemlich stolz. 357 Konzepte aus 61 Ländern landeten in Unna, „Arbeiten mit einer sehr hohen Qualität“. Entsprechend bemerkenswert fällt die Siegerschau aus.

Aufregender Beitrag aus Japan: Yasuhiro Chida macht Naturphänomen erfahrbar, baut mit „Myrkvior“ einen Höhlen ähnlichen Raum, in dem der Staub auf Fäden tanzt. Hände weg! (Foto: International Light Art Award/Frank Vinken)

Das Auge muss sich erst gewöhnen an die Dunkelheit, dann beginnt es zu funkeln, zu glitzern. Der japanische Architekt Yasuhiro Chida (geb. 1977) ist bekannt für seine großflächigen Installationen, die Erfahrungsräume und immer auch zu durchschreiten sind. Er sammelt Eindrücke von Wanderungen in Höhlen oder auf Berge, die er mit sehr zurückhaltender Technik inszeniert. In seiner Arbeit „Myrkvior“ hat er im Gewölbe einer Spinne gleich kreuz und quer Nylon gezogen, lässt eine künstliche Sonne aufgehen und Staubkörner tanzen. Der Mensch staunt ungläubig und ist versucht, in die Fäden zu greifen. Es gilt die klare Ansage: Hände an die Hosennaht!

Magisch: Das Duo Charlotte Dachroth und Ole Jeschonnek lässt in ihrer minimalistischen Arbeit „Lichtvolumen“ einen Schatten schweben. Wie das technisch funktioniert, das verraten sie nicht. (Foto: Simone Melenk)

Das Berliner Duo Dachroth + Jeschonnek (Jahrgang 1981 und 1984) bedient sich einer völlig neuen Methode, um Licht sichtbar zu machen und in frei schwebende Zustände zu versetzen. Ihre minimalistische Arbeit heißt „Lichtvolumen“ und dokumentiert ihre Entdeckung, das Licht plastisch sein kann, ja sogar fühlbares Material. Ein Schatten schwebt im Reifen und wandert durch den Raum. Wo er herkommt, bleibt ungeklärt. Charlotte Dachroth gibt zu, die beiden hätten sich sehr lange der technischen Herausforderung gestellt. Die Erklärung für das wandernde schwarze Loch behält sie dann aber für sich. Sie möchte das Kunstwerk nicht entzaubern.

Im mittleren Tonnengewölbe der alten Lindenbrauerei konnte sich Jacqueline Hen (geb. 1989) ausleben, die derzeit in Berlin ihre „Meisterschüler“-Studien abschließt, an der Kölner Medienhochschule unterrichtet, drei Jahre im Studio von Tomas Saraceno gearbeitet hat und als Forschungsassistentin am Fraunhofer-Zentrum für Technologie. Vier Wochen lang hat sie an ihrer schwarzen Box gebaut, an einem Raum im Raster, der sich rhythmisch weitet. „Light High“ heißt ihre Werk: übersetzt Licht und Höhe, aber auch Licht, das berauscht, einen high werden lässt. Immer neue Quadrate hat sie eingefügt, eine Spiegeldecke gezogen, den Boden mit Wasser geflutet. Auf einem schwarzen Steg können Ausstellungsbesucher (bitte auf Socken!) in die Mitte des Raumes vordringen. Sie können hier stehen, sitzen, liegen oder ein spektakuläres Selfie machen.

Sie sollten aber unbedingt die Unendlichkeit auf sich wirken lassen.

INFO

Der International Light Art Award (ILAA) wurde bereits zum dritten Mal vergeben – eine Initiative des Zentrums für Internationale Lichtkunst in Unna und der Innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft (vormals RWE Stiftung), die junge innovative Kunst und Projekte rund um das Thema Energie fördert. Eingereicht für den ILAA wurden diesmal 357 Konzepte aus 61 Ländern.

Bis 10. November stellen die drei Finalisten Yasuhiro Chida (Japan), das Berliner Duo Dachroth+Jeschonnek und Jacqueline Hen (Deutschland) ihre Arbeiten im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna aus. Bis Ende August sind zudem geförderte Arbeiten von Studenten zu sehen zum (Licht-)hema Neue Energien, Nachhaltigkeit und Technische Innovation.

Öffnungszeiten: Die-Fr. 13 Uhr, 15 Uhr und 17 Uhr Führungen, Sa/So/Feiertage 12-17 Uhr (Führungen jede volle Stunde).

Jeden 1. Sonntag im Monat 12 bis 17 Uhr Offene Begehung, jeden 2. Sonntag im Monat Familienführung 11 Uhr (Anmeldung unter 02303/103-751). Außerdem Sonderöffnungszeiten von Mai bis Oktober im Sky Space von James Turrell.

www.lichtkunst-unna.de

 

 

 

 

 

 

Unna beim Klavierfestival Ruhr

Unna beim Klavierfestival Ruhr

Klavier-Festival Ruhr, erstmals auch in Unna: Der Ausnahme-Pianist Lars Vogt gastiert am 9. Juli in der Stadthalle. Foto: Anna Reszniak/Klavierfestival Ruhr

Premiere in Unna, Debüt in der Stadthalle: Dank des Engagements der Bürgerstiftung Unna in Partnerschaft mit der Kulturstiftung der Sparkasse gastiert in diesem Sommer das Klavierfestival Ruhr in unserer Stadt. Der Ausnahme-Pianist Lars Vogt kommt am 9. Juli an den Hellweg. Zusammen mit der Neuen Philharmonie Westfalen ist er zugleich auch als Dirigent zu erleben und spielt Wolfgang Amadeus Mozart. Karten gibt es ab sofort im VVK, im i-punkt der Stadt Unna im ZIB, beim Hellweger Anzeiger in der Wasserstraße und exklusiv für Stifterinnen und Stifter direkt beim Klavierfestival Ruhr, Tel. 0201/8966842 (Frau Gasparaitis). Denn für Mitglieder der Stiftung gilt: Für den Preis einer Karte dürfen zwei Besucher dabeisein. Quasi auch einmal als Dankeschön an die Geldgeber.

Simone Melenk von der Bürgerstiftung Unna, Klavierfestival-Intendant Franz-Xaver Ohnesorg und Bürgermeister Werner Kolter als Vorsitzender der Kulturstiftung der Sparkasse, stellten in der Stadthalle das Konzert und das Programm vor.

Selbst Mozarts Klavierkonzerte sind kleine Opern

Drei Meisterwerke des Universalgenies Wolfgang Amadeus Mozart stehen auf dem Programm, das die Überschrift Mozart pur trägt:

Die Ouvertüre zu „Le nozze di Figaro“ KV 492, die so genannte „Linzer“ Sinfonie Nr. 36 in C-Dur KV 425 und Mozarts spätes Konzert für Klavier und Orchester Nr. 27 in B-Dur KV 595, bei dem man „schon beim ersten Ton die Schönheit dieser Musik erkennt“, schwärmt Festival-Intendant Franz-Xaver Ohnesorg. Mozart sei ein großer Geschichtenerzähler gewesen, „selbst seine Klavierkonzerte sind kleine Opern“.

Seit nunmehr rund 25 Jahren widmet sich Lars Vogt seiner Leidenschaft, der Musik. Und ob er dies nun solistisch, als Kammermusiker bei seinem Festival in Haimbach oder mit Pult-Größen wie Andris Nelsons und Spitzenorchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern tut – stets erweist sich Vogt als ein musikalischer Glücksfall. Denn für ihn zählt das Menschliche in der Musik. Und diese menschliche Stimme bringt er nicht zuletzt in den Meisterwerken von Bach, Beethoven und Brahms unnachahmlich zum Klingen.

Besonders aber zum Schaffen Mozarts besitzt Vogt ein langes, inniges Verhältnis. „Mozart versetzt unsere Seele in feinste Schwingungen“, so der uneitle Weltstar, der diesen feinsten Schwingungen immer wieder mit viel Herz nachgespürt hat. Zu den Sternstunden des Mozart-Spiels überhaupt gehört Vogts Einspielung des großen, letzten Klavierkonzerts Nr. 27. Live zu erleben in Unna!

Unnas Bürgermeister Werner Kolter ist stolz: „Die Aufnahme in das Programm des renommierten Festivals ist für uns auch eine Anerkennung unserer Kulturarbeit und des Kulturstandortes Unna.“

Das Festival ist mittlerweile eine Weltmarke, und viele Weltstars kommen immer wieder gerne. In diesem Jahr soll der Europa-Gedanke durch die Konzertreihe tragen.

Prof. Franz-Xaver Ohnsorg schreibt in seinem Vorwort zum diesjährigen Festival, das mit 60 Konzerten von Moers bis Münster von Essen bis Hagen die Besucher an 23 Orte lockt:

Prof. Franz-Xaver Ohnesorg schwärmt von Mozarts Musik. Das Konzerterlebnis in Unna soll ein besonderes werden, sagt er. Foto: Peter Wieler/Klavierfestival Ruhr

„2019 jährt sich zum 30. Mal ein Ereignis, das unsere Welt verändert hat: Der Fall der Berliner Mauer. Vier Jahre zuvor wurde das Schengener Abkommen unterzeichnet, durch das der Handel, das Reisen und somit auch das Reisen von Künstlern in Europa so wunderbar einfach und selbstverständlich wurde. Damit haben die meisten von uns gleich zwei politische Ereignisse miterlebt, durch die die zwischenstaatlichen Grenzen in Europa nahezu bedeutungslos geworden sind. Viele Menschen auf unserem Kontinent fühlen sich heute in erster Linie als Europäer.

In den Lebensläufen vieler Künstler des Klavier-Festivals Ruhr spiegelt sich diese europäische Geschichte wieder. Deshalb wollen wir beim Klavier-Festival Ruhr 2019 den Blick vor allem auf die Biografien unserer Künstler lenken. Etwa bei unseren „Rising Stars“, wie unserem diesjährigen Stipendiaten Giuseppe Guarrera, der in Sizilien geboren wurde und jetzt in Berlin lebt, oder auf unsere Debütantinnen Alexandra Dariescu – aufgewachsen in Rumänien, nun in Großbritannien ansässig – und Mariam Batsashvili, die in Georgien aufwuchs, in Weimar studierte und derzeit als „BBC New Generation Artist“ vor allem in Großbritannien ihre künstlerische Heimat gefunden hat. Europäisch geprägtes Weltbürgertum verkörpern vor allem auch „Living Legends“ wie Sir András Schiff, in Budapest aufgewachsen, von der britischen Queen geadelt und in Florenz wohnhaft, wie der in der Schweiz lebende polnische Pianist Krystian Zimerman, oder Alfred Brendel, in dessen Lebenslauf sich europäische Geschichte wie bei wohl kaum einen anderen wiederspiegelt. Geboren wurde er in Wiesenburg, im heutigen Tschechien, seine Schulzeit verbrachte er in Zagreb, studierte in Graz und lebt nun seit vielen Jahren in London. Besonders freue ich mich darüber, dass ein ebenfalls legendärer Pianist das Klavier-Festival Ruhr 2019 eröffnen wird, ein Weltbürger, der einen Großteil der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchlebt und durchlitten hat: der inzwischen 95-jährige Menahem Pressler, in Magdeburg geboren, musste als junger Mann vor der Nazi-Diktatur in die USA flüchten und startete von dort aus mit seinem „Beaux Arts Trio“ eine Weltkarriere. Nun vollendet er seine künstlerische Laufbahn mit einer viele Musikfreunde zutiefst berührenden Solokarriere. Oder Martha Argerich, auch sie heute schon eine Legende. Sie kehrt gemeinsam mit dem in Riga geborenen und in Moskau ausgebildeten Cellisten Mischa Maisky bereits zum 25. Mal zum Klavier-Festival Ruhr zurück. “

Begleitet und behütet auf dem letzten Weg – Ein Hospiz im Herzen der Stadt

Begleitet und behütet auf dem letzten Weg – Ein Hospiz im Herzen der Stadt

 

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Schwarz von Menschen war die Klosterstraße zur Eröffnung des Heilig-Geist-Hospizes. (Foto: Simone Melenk)

Was lange währt, wird endlich gut. Die Stadt Unna hat jetzt ein Hospiz. Das Heilig-Geist-Hospiz in der Klosterstraße will Menschen auf ihrem letzten Weg, den sie gemeinsam mit ihren Angehörigen gehen, ein behütetes Zuhause bieten.

Von Anfang an konfessionsübergreifend geplant, kamen 2009 die ersten Pläne für ein Unnaer Hospiz auf den Tisch. Es war ein Glücksfall, das mit dem ehemaligen Kolpinghaus ein stattliches Haus mit großem Grundstück im Herzen der Stadt zur Verfügung stand. Ganz in der Nähe – in der Massener Straße – hatte es bereits 1315 ein Hospital zum Heiligen Geist gegeben, das immerhin bis 1847 segensreich wirkte und Alte, Arme und Kranke versorgt hatte.

Bürgermeister Werner Kolter (l.), Hospiz-Leiterin Marion Eichhorn und Pfarrer Paul Mandelkow schneiden das rote Band entzwei: Das Hospiz ist eröffnet.(Foto: Simone Melenk)

Wie einst das Kolpinghaus eine Herberge war, soll auch das Hospiz eine Herberge für Menschen werden, für Gäste, die kommen und die gehen können…So drückte es Guido Ponto vom Katholischen Hospitalverbund Hellweg bei der Eröffnung aus. Es war ein langer, mitunter auch steiniger Weg. Umplanungen verzögerten den Bau, Zeit war dann auch Geld. Am Ende lagen die Baukosten bei 3,7 Millionen Euro, aber beachtliche 1,1 Millionen Euro davon sind allein durch Spenden aufgebracht worden. Das freute besonders den Vorstand der Heilig-Geist-Hospizstiftung, Prof. Klaus Weber. Auch Bürgermeister Werner Kolter sieht in dem ehrgeizigen Projekt einen starken Ausdruck von Bürger-Engagement in einer funktionierenden Bürgergesellschaft..

10 Gäste finden in dem Haus helle und schöne Zimmer. Für Angehörige gibt es Gästezimmer, außerdem einen Raum der Stille und eine große Wohnküche, die Mittel- und Treffpunkt des offenen Hauses werden soll und direkten Zugang zum Hofgarten hat. 15 Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Helfer/innen, aber auch etliche Ehrenamtliche kümmern sich um die Gäste.

Auch Architekt Christian Weicken war sichtlich stolz, als er jetzt den Schlüssel übergeben konnte. Es sei ein sehr helles Haus geworden, sagte er, trotzdem ein sehr warmes. Es sei ein städtischer Bau und doch auch ein sehr privates Haus. Das Hospiz sei funktional und empfange die Menschen doch mit viel Atmosphäre. Die neue Leiterin des Hospizes, Marion Eichhorn, ist voller tatendrang: „Ich freue mich, dass es losgeht.“ Sie ermunterte die Unnaer Bürger, einfach mal vorbeizuschauen: „Wir sind ein offenes Haus, ein Haus für alle.“

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Garten, Hof, Patio und alle Außenanlagen sind fertig: geplant und gestiftet von der Bürgerstiftung Unna.(Foto: Simone Melenk)

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Psalm 127,1: Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.

Als der Mord am Hellweg blutiger Ernst war…

Als der Mord am Hellweg blutiger Ernst war…

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Plakat „Mord am Hellweg“ und Titelbild der aktuellen Anthologie „Glaube, Liebe, Leichenschau“ – „angeschlagen“ am Original Schauplatz Onkel Albrecht an der B1. Foto: Simone Melenk

 

Dominas-Bande ging über Leichen

Unna. Gesucht wird ein „Mörder ohne Gesicht“. Ein altes Bauernpaar ist auf seinem Hof ermordet worden. Das Motiv der Tat liegt völlig im Dunkeln, deren Brutalität irritiert die Polizisten… So beginnt Henning Mankells erster Krimi mit Kurt Wallander. Er wird ein Bestseller.

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Ausriss aus dem Hellweger Anzeiger, der erste Bericht über das blutige Verbrechen, damals verfasst von Klaus Seifert, der auch schon tot ist. (Stadtarchiv Unna)

So geschockt wie seine schwedischen Kollegen ist auch Polizeiwachtmeister Manfred Such. In einer Augustnacht – er hat eigentlich Kirmesdienst – wird er zum Landgasthof in Unna-Lünern dirigiert. Überfall bei „Onkel Albrecht“ lautet die kurze Info.

Am Tatort erwartet den jungen Polizisten die totale Finsternis und eine gespenstige Stille. Vorne ist nichts. Also geht er hinten herum. Verdächtig: Am Fachwerkhaus lehnt eine Leiter ins oberste Stockwerk. Der Beamte wagt sich vorsichtig ins Haus, tastet sich vor ins Treppenhaus nach oben. Dann sieht er nur noch rot, nur noch Blut…

Der Doppelmord in der Gaststätte am Hellweg – Onkel Albrecht und seine Schwester Lina wurden mit mehreren Schüssen niedergestreckt – war keine Fiktion. Das alte Paar wurde Opfer der brutalen Bande um Petras Dominas, die bei ihren Raubzügen im Ruhrgebiet über Leichen ging. Letztendlich aber führten die Spuren in Unna zu Dominas‘ Verhaftung und zum „Lebenslänglich“.

Der „Mord am Hellweg“ rauschte damals durch den Blätterwald. Das Verbrechen ist allerdings auch schon 52 Jahre her – die meisten Beteiligten sind verblichen, gestorben übrigens eines natürlichen Todes.

In der Kriminalstatistik spielt der Kreis Unna seit Dominas keine beunruhigende Rolle mehr. Krimistar Henning Mankell kam 2008 an die B1 und holte sich beim Festival „Mord am Hellweg“ den ersten Europäischen Preis für Kriminalliteratur ab, den sogenannten „Ripper Award“. Seitdem sind 21 Tötungsdelikte erfasst – so viel wie in Dortmund in einem Jahr. „Mehr Tote gibt’s eindeutig im Straßenverkehr“, sagt Kim Freigang, Sprecher der Polizei Dortmund, die bei Bedarf die Mordkommission für die Nachbarn bildet.

Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, im schönen Schwerte einem Serientäter zum Opfer zu fallen, ist zwar deutlich größer als ein Sechser im Lotto, aber doch so berechenbar wie ein Horst Seehofer als Ehrenvorsitzender von Pro Asyl.

Stellt sich die Frage, warum sich ausgerechnet am Hellweg eine so lange Blutspur zieht.

Die Antwort erfordert keine langen Ermittlungen. Klar ist: Das Krimispektakel entspringt der Fantasie. Ideengeber und Festivalmacher Sigrun Krauß (Kulturchefin Stadt Unna) und Dr. Herbert Knorr (Leiter Westfälisches Literaturbüro) bemühten Ende der 1990er-Jahre außerdem die nordisch-germanische Mythologie. Die sah den „Helvegr“ als Totenweg, auf dem die Leichen transportiert wurden. In der Silbe Hel, so die nächste Vermutung, spiegele sich auch der Name der Höllengöttin.

Eine Straße, die ins Jenseits führt

Eine Herrscherin der Unterwelt und eine Straße, die ins Jenseits führt: Das sollte reichen für Nebulöses und Nervenkitzel! Erfunden war das Festival „Mord am Hellweg“, ein Netzwerk-Projekt mit einem Konzept so simpel wie erfolgreich. Viele Anrainerstädte bilden eine verschworene Gemeinschaft, das Genre Krimi die Klammer. Das literarische Morden pflegt die regionale Verbundenheit. Und auch die internationale Szene rückt an und bringt Spannung in die (vermeintliche) Provinz.

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Jussi Adler-Olsen mit seiner deutschen Stimme Peter Lohmeyer. Foto: Simone Melenk

So durfte sich nach dem Schweden Henning Mankell Landsmann Håkan Nesser über den „Ripper Award“ freuen. Nach ihm war die Französin Fred Vargas Publikumsliebling. Dann holte sich der dänische Krimistar Jussi Adler-Olsen die Auszeichnung ab. Zuletzt wurde der deutsche Thriller-Spezialist Sebastian Fitzek ausgezeichnet. Der Berliner Bestsellerautor galt früh als Hauptverdächtiger für den Publikumspreis.

Der Europäische Preis für Kriminalliteratur ist übrigens mit 11.111 Euro dotiert. Das dürfte ungefähr der Summe in D-Mark entsprechen, die Petras Dominas in Onkel Albrechts Matratze vermutete.

 

Ein Kämpfer für Kuckuck & Co

Ein Kämpfer für Kuckuck & Co

Für seinen Einsatz und sein Engagement für die Umwelt und Natur erhielt Karl-Heinz Albrecht (2.v.l.) die Urkunde und die Medaille "Ehren.Sache" des Landes NRW. Links sein Mitstreiter Dr. Josef Cornelissen, Umweltminister Johannes Remmel und Bürgermeister Werner Kolter (r.)

Für seinen Einsatz und sein Engagement für die Umwelt und Natur erhielt Karl-Heinz Albrecht (2.v.l.) die Urkunde und die Medaille „Ehren.Sache“ des Landes NRW. Links sein Mitstreiter Dr. Josef Cornelissen, Umweltminister Johannes Remmel und Bürgermeister Werner Kolter (r.)

Große Ehre in der kleinen Öko-Zelle

Unna-Mühlhausen. Ohne ihn wäre Unna auf jeden Fall (wasser)ärmer, soviel steht fest. Und weil Karl-Heinz Albrecht auch mit fast 80 noch unermüdlich für die Natur, den Kuckuck & Co kämpft, wurde ihm jetzt eine besondere Ehre zuteil. NRW-Umweltminister Johannes Remmel zeichnete den Öko-Aktivisten mit der „Ehren.Sache“ aus, einer Medaille, die landesweit nur fünfmal vergeben wird – für den Einsatz und das Engagement für Natur und Umwelt.

Kein großer Bahnhof war angesagt, eher eine kleine Feierstunde in der Öko-Zelle, die Anfang der 1980er-Jahre hier in Mühlhausen/Uelzen von Heimat- und Naturschützern geschaffen wurde. Deshalb nahm Albrecht die Auszeichnung auch stellvertretend für viele (Natur-)Freunde entgegen, die mit ihm zusammen seit drei Jahrzehnten der Natur immer wieder zu ihrem Recht und ihrer Fläche verhelfen.

„Wir reden viel über Nachhaltigkeit,

sie muss aber auch gelebt werden“.

NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Nicht nur, dass Albrecht und seine Mitstreiter in den Quellendörfer die Wasseradern suchten und wieder freilegten, Teiche und Blenken anlegten, mit der Aktion Landkauf in Uelzen, Mühlhausen, Lünern und Hemmerde konnten in den vergangenen Jahrzehnten auch sage und schreibe 324 245 Qudratmeter Land erworben und der Natur zurückgegeben werden. Das entspricht immerhin einer (oft zusammen hängenden) Fläche von knapp 40 Sportplätzen – vom Rebhuhnacker und dem Nachtigallenbruch über den Rotkehlchenhain, den Cornelkamp bis zur Spatzenwiese und der Kuckucksweide.

Wasserschau in der Uelzener Heide/Mühlhauser Mark...

Wasserschau im Naturschutzgebiet Uelzener Heide/Mühlhauser Mark…

Experten unter sich: v.l. Karl-Heinz Albrecht, Dr. Josef Cornelissen, Johannes Remmel.

Experten unter sich: v.l. Karl-Heinz Albrecht, Dr. Josef Cornelissen, Johannes Remmel.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur 6 bis 7 Prozent der Gewässer in NRW seien in einem ökologisch guten Zustand, sagte Umweltminister Remmel bei der Ehrung, deshalb seien Menschen vor Ort so unverzichtbar wie wertvoll, die das Wasser als Lebensader der Artenvielfalt fördern und schützen. Karl-Heinz Albrecht sei so ein Mensch, er brennt für den Natur- und Umweltschutz. Seit 35 Jahren übrigens auch schon an der Seite von Werner Kolter, der bereits als Unnaer Umweltdezernent vielen gemeinsamen Öko-Projekten Rückenwind gab.

Heute, als Bürgermeister und begeisterter Radfahrer, ist er stolz auf ein ebenso grünes wie artenreiches Unna. Gerade auch dank so engagierter Bürgerinnen und Bürgern wie Karl-Heinz Albrecht.

Umweltaktivist Karl-Heinz Albrecht an der Gräfte des ehemaigen Wasserschlosses Haus Heyde in Uelzen. Seit knapp 40 Jahren ist der Unnaer ein unermüdlicher Kämpfer für Kuckuck & Co. (Bild. Simone Melenk)

Umweltaktivist Karl-Heinz Albrecht an der Gräfte des ehemaligen Wasserschlosses Haus Heyde in Uelzen. Seit knapp 40 Jahren ist der Unnaer ein unermüdlicher Kämpfer für Kuckuck & Co. (Bild. Simone Melenk)

 

Unterirdisch, aber oberoriginell – Ein Prosit auf die „Abteilung 10“

Unterirdisch, aber oberoriginell – Ein Prosit auf die „Abteilung 10“

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Hier unten, 20 Meter unter der Erde, gibt es immer einen Grund, sich für das Set zu entscheiden: lang-kurz, lang-kurz. Ach, einen nehmen wir noch…

Als von internationaler Lichtkunst noch keiner zu träumen wagte, ploppten hier die ersten Flaschen auf – zwischen Schutt und Dreck, Brauerei-Gerümpel und auf ausrangierten Plastikstühlen. Zu der Zeit boten die Unnaer Gästeführer in den alten Gewölben die ersten Besichtigungstouren an. Klar, dass sich auch schnell ein Keller mit Erinnerungen an produktive wie trinkfeste Zeiten füllte. Aber erst mit der Lichtkunst-Idee und der künstlerischen Ausgestaltung des unterirdischen Labyrinths hatte auch die „Abteilung 10“ einen festen Platz gefunden. Lang lang ist’s her…viel Bier und später auch wieder das berühmte Lindenpils ist seitdem durch die Kehlen geflossen. Höchste Zeit, im neuen Jahr einmal abzustauben, die Ecken zu fegen und Wollmäuse zu jagen, die hier ansonsten sehr alt werden dürfen.

Von Gläserspendern und Gläserspülern

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Prost: Karl-Heinz Agethen (Aggi l.) und Jörg Franke

Aggi, die Unnaer Letztinstanz für eine gepflegte Trinkkultur, hatte sich die gefühlten 3000 Gläser vorgeknöpft. Verletzungsfrei bugsierte er sie nach ausgiebigem Spülgang wieder staubfrei in die Glasvitrinen. In der Kneipe wurde auch sonst viel geputzt und gewienert. Auch neue Gläserspenden landeten im Keller und sogar eine alte Kiste Lindenpils de luxe (leider leer) tauchte auf. Aus dem Osten schaffte Karl-Heinz Schetter eine Lindenpils-Brieftasche herbei (leider auch leer!), und Bettina Dellwig stellte ihre alten Fotos  von den Kellern zur Verfügung, aus einer Zeit, als hier noch keiner gewirbelt und oder auch nur irgendeine Nutzungsidee hatte. Gästeführer Wolfgang Patzkowsky, der neuerdings auch dem Verein mit dem wohl klingenden Namen „Cerevisia Unnae Clara“ vorsteht, was ungefähr so viel bedeutet wie „Lasst uns einen heben!“, begrüßte zur Wiedereröffnung der wohl originellsten Kneipe in Unna an die 70 Gäste. 50 sind übrigens offiziell erlaubt. Die sind immer willkommen. Die „Abteilung 10“ kann für Feiern oder Firmen-Events gemietet werden: bei den Gästeführern oder direkt beim Verein Lindenbrauerei. Einfach nachfragen!

TIPP: Besuchen Sie das Zentrum für Internationale Lichtkunst einen ganzen Sonntagnachmittag lang ohne Führungen und probieren Sie in der „Abteilung 10“ ein leckeres Lindenpils. Das Angebot des Museums in Kooperation mit Unnas Gästeführern ist neu! Jeden ersten Sonntag im Monat ab 12 Uhr geht’s allein durch die Lichtkunst, ab 13 Uhr wird in der „Abteilung 10“ gezapft. Letzter Einlass ist um 16.15 Uhr.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zukunft Berliner Allee – neue Pläne für ein altes Quartier

Zukunft Berliner Allee – neue Pläne für ein altes Quartier

 „Die Menschen sollen sich hier wohl fühlen!“

Fast jede Stadt hat ein solches Quartier – in den 1960er, 1970er Jahren wurde hoch gebaut, um vielen Menschen Wohnraum bieten zu können. Heute sind die Wohnblocks aus dieser Zeit problematisch – zumal, wenn nicht in einem Top-Zustand. Das groß angelegte Projekt „Zukunft Berliner Allee“ will das Viertel, in dem immerhin 4 500 Menschen leben, deutlich aufwerten und die sozialen Probleme da anpacken, wo sie greifbar sind – im Viertel selbst. „Die Menschen sollen sich hier wohl fühlen“, sagt Bürgermeister Werner Kolter, deshalb müsse man jetzt „feinsteuern“, negative Entwicklungen abwenden.

Früh die Probleme angepackt

Früh hat die Stadt Unna das Gespräch mit den hier ansässigen Wohnungsbaugesellschaften gesucht und das Müll-Problem rund um die großen Mietriegel angepackt. Es fällt schon auf, wie sauber es hier ist, obwohl hier so viele Menschen auf dichtem Raum wohnen – Menschen, die aus aller Herren Länder kommen. Ab 2016 soll es hier nicht nur ein erweitertes Quartiersmanagement geben, auch die Themen Wege/Spielflächen/Freiflächen werden als Extra-Aufgabe verstanden und angegangen. Das Jobcenter ist mittlerweile vor Ort und betreibt in der Potsdamer Straße ein kleines Büro, ist „nah an den Menschen“, wie Christian Scholz, der stellvertretende Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna, betont. Die guten Vermittlungszahlen, die Zufriedenheit der eigenen Mitarbeiter, die den Menschen vor Ort besser und direkter helfen können, sprechen für sich, meint er. Mit dem Partnern Jugendamt, der Werkstatt im Kreis Unna könne das Jobcenter hier viel effektiver helfen, so Scholz.

Immer gut besucht: der Falken Kinderclub in einer Wohnung gleich nebenan

Auch der Falken Kinderclub in einer Wohnung, der für Königsborner Schulkinder täglich geöffnet ist, hat sich als richtige und wichtige Maßnahme erwiesen. Davon konnte sich auch NRW-Bauminister Michael Groschek überzeugen, der unter anderem mit Bürgermeister Werner Kolter und Verantwortlichen der Stadt jetzt das Quartier durchstreifte. Ein Stopp im Kinderclub war gesetzt, der Besuch im Jobcenter natürlich auch. Der Minister zeigte sich beeindruckt von den Angeboten im Viertel. Allein das Investieren ins Wohnumfeld reiche heute nicht, so der Minister, man müsse sich mehr um die Menschen kümmern, wieder mehr aufeinander achten, Ansprechpartner vor Ort haben.  „Eigentlich brauchen wir wieder den guten alten Dorfsheriff“, so Groschek. Heute heißt das Quartiersmanagement, meint aber irgendwie das Gleiche.

Die Initiative „Zukunft Berliner Allee“, ein Millionen schweres Projekt-Paket, wird vom Land gefördert und bis 2020 sichtbare positive Zeichen in der Berliner Allee und auch in Königsborn-Nord setzen. Los geht’s mit neuen Ideen und Maßnahmen im neuen Jahr.

Fotos: Simone Melenk

Älter werden in Unna – wie wollen Senioren wohnen?

Älter werden in Unna – wie wollen Senioren wohnen?

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Seniorentag in Unna: Viele Informationen, viel Betrieb an den Ständen, hier der Bürgermeister im Gespräch mit der Herbstblatt-Redaktion und einem alten Handball-Freund.

Unna. Die Kinder sind aus dem Haus, die Wohnung ist viel zu groß. Das eigene Haus lässt sich nur noch mit Mühe bewirtschaften, schon allein, weil das Treppensteigen immer schwerer fällt. Eigentlich müsste man umziehen. Aber einen alten Baum verpflanzen?
Der Spruch war gestern, heute gibt es neue Angebote für Senioren. Eine älter werdende Gesellschaft sucht und braucht andere, für sie passende Wohnformen in der Stadt. Für Bürgermeister Werner Kolter ist der demografische Prozess, das „Älter werden in Unna“ eines der großen Zukunftsthemen. „Wichtig ist dabei ein enges abgestimmtes Zusammenwirken aller Akteure wie private Investoren, öffentlicher Wohnungsbau, AWo, Caritas, Diakonie sowie das Netzwerk der Pflegedienste mit der Stadt Unna.“
Werner Neumann, Leiter des Bereichs Wohnen, Soziales und Senioren bei der Kreisstadt Unna, hat das weite Feld barrierefreies Wohnen, neue Wohnformen, Wohnen mit Service, aber auch Mehrgenerationen-Wohnprojekte oder Senioren-WGs schon früh beackert. Die Stadt Unna hat sich rechtzeitig aufgemacht, mit ihren Möglichkeiten und auch öffentlich gefördert für unterschiedliche Wohnbedürfnisse den passenden Raum zu suchen und zu schaffen. Begleitet wurden dabei auch immer wieder viele private Modelle wie Baugemeinschaften, die für Gruppen planen.

Neue Projekte in Planung

Für öffentlich geförderten Wohnungsbau ist Barrierefreiheit heute Pflicht, die Wohnungen sind begehrt. So sind in Königsborn schicke kleine Seniorenwohnungen entstanden, die UKBS investierte an der Dahlienstraße in 34 Wohnungen, die AWo an der Grillostraße (17 Wohnungen). Neu hinzukommen 18 Wohnungen auf dem alten WMG-Gelände an der Zechenstraße, fast 30 neue Einheiten auf dem ehemaligen Sportplatz an der Palaiseaustraße. In Massen punktet die „Große Wiese“ mit acht WG-Plätzen für Senioren und zehn barrierefreien Wohnungen. Erstmals investiert auch der traditionsreiche Bauverein zu Lünen in Unna: An der Mozartstraße entsteht eine Senioren-WG mit 11 Plätzen und ambulanter Betreuung, darüber werden 11 neue Wohnungen für Senioren gebaut. In Planung ist außerdem noch ein großes Projekt an der Potsdamer Straße, an der Dürerstraße wird eine Baulücke geschlossen.

Denn Barrierefreiheit lässt sich nur schwer und meistens sehr aufwändig in alten Häusern umsetzen. Allein die Frage nach dem Aufzug ist mit immensen Kosten verbunden, wenn er nachträglich ins Haus eingebaut oder von außen aufgeständert wird. „Deshalb brauchen wir (geförderten) neuen Wohnungsbau“, sagt Werner Neumann.

Und deshalb kreisen in Unna auch künftig die Baukräne.

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Wie werden wir, wie wollen wir im Alter wohnen? Werner Neumann, Leiter des Bereichs Wohnen, Soziales und Senioren bei der Kreisstadt Unna (m.), war beim Seniorentag ein viel gefragter Mann. (Fotos: Simone Melenk)