Als der Mord am Hellweg blutiger Ernst war…

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Plakat „Mord am Hellweg“ und Titelbild der aktuellen Anthologie „Glaube, Liebe, Leichenschau“ – „angeschlagen“ am Original Schauplatz Onkel Albrecht an der B1. Foto: Simone Melenk

 

Dominas-Bande ging über Leichen

Unna. Gesucht wird ein „Mörder ohne Gesicht“. Ein altes Bauernpaar ist auf seinem Hof ermordet worden. Das Motiv der Tat liegt völlig im Dunkeln, deren Brutalität irritiert die Polizisten… So beginnt Henning Mankells erster Krimi mit Kurt Wallander. Er wird ein Bestseller.

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Ausriss aus dem Hellweger Anzeiger, der erste Bericht über das blutige Verbrechen, damals verfasst von Klaus Seifert, der auch schon tot ist. (Stadtarchiv Unna)

So geschockt wie seine schwedischen Kollegen ist auch Polizeiwachtmeister Manfred Such. In einer Augustnacht – er hat eigentlich Kirmesdienst – wird er zum Landgasthof in Unna-Lünern dirigiert. Überfall bei „Onkel Albrecht“ lautet die kurze Info.

Am Tatort erwartet den jungen Polizisten die totale Finsternis und eine gespenstige Stille. Vorne ist nichts. Also geht er hinten herum. Verdächtig: Am Fachwerkhaus lehnt eine Leiter ins oberste Stockwerk. Der Beamte wagt sich vorsichtig ins Haus, tastet sich vor ins Treppenhaus nach oben. Dann sieht er nur noch rot, nur noch Blut…

Der Doppelmord in der Gaststätte am Hellweg – Onkel Albrecht und seine Schwester Lina wurden mit mehreren Schüssen niedergestreckt – war keine Fiktion. Das alte Paar wurde Opfer der brutalen Bande um Petras Dominas, die bei ihren Raubzügen im Ruhrgebiet über Leichen ging. Letztendlich aber führten die Spuren in Unna zu Dominas‘ Verhaftung und zum „Lebenslänglich“.

Der „Mord am Hellweg“ rauschte damals durch den Blätterwald. Das Verbrechen ist allerdings auch schon 52 Jahre her – die meisten Beteiligten sind verblichen, gestorben übrigens eines natürlichen Todes.

In der Kriminalstatistik spielt der Kreis Unna seit Dominas keine beunruhigende Rolle mehr. Krimistar Henning Mankell kam 2008 an die B1 und holte sich beim Festival „Mord am Hellweg“ den ersten Europäischen Preis für Kriminalliteratur ab, den sogenannten „Ripper Award“. Seitdem sind 21 Tötungsdelikte erfasst – so viel wie in Dortmund in einem Jahr. „Mehr Tote gibt’s eindeutig im Straßenverkehr“, sagt Kim Freigang, Sprecher der Polizei Dortmund, die bei Bedarf die Mordkommission für die Nachbarn bildet.

Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, im schönen Schwerte einem Serientäter zum Opfer zu fallen, ist zwar deutlich größer als ein Sechser im Lotto, aber doch so berechenbar wie ein Horst Seehofer als Ehrenvorsitzender von Pro Asyl.

Stellt sich die Frage, warum sich ausgerechnet am Hellweg eine so lange Blutspur zieht.

Die Antwort erfordert keine langen Ermittlungen. Klar ist: Das Krimispektakel entspringt der Fantasie. Ideengeber und Festivalmacher Sigrun Krauß (Kulturchefin Stadt Unna) und Dr. Herbert Knorr (Leiter Westfälisches Literaturbüro) bemühten Ende der 1990er-Jahre außerdem die nordisch-germanische Mythologie. Die sah den „Helvegr“ als Totenweg, auf dem die Leichen transportiert wurden. In der Silbe Hel, so die nächste Vermutung, spiegele sich auch der Name der Höllengöttin.

Eine Straße, die ins Jenseits führt

Eine Herrscherin der Unterwelt und eine Straße, die ins Jenseits führt: Das sollte reichen für Nebulöses und Nervenkitzel! Erfunden war das Festival „Mord am Hellweg“, ein Netzwerk-Projekt mit einem Konzept so simpel wie erfolgreich. Viele Anrainerstädte bilden eine verschworene Gemeinschaft, das Genre Krimi die Klammer. Das literarische Morden pflegt die regionale Verbundenheit. Und auch die internationale Szene rückt an und bringt Spannung in die (vermeintliche) Provinz.

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Jussi Adler-Olsen mit seiner deutschen Stimme Peter Lohmeyer. Foto: Simone Melenk

So durfte sich nach dem Schweden Henning Mankell Landsmann Håkan Nesser über den „Ripper Award“ freuen. Nach ihm war die Französin Fred Vargas Publikumsliebling. Zuletzt holte sich der dänische Krimistar Jussi Adler-Olsen die Auszeichnung ab.

In diesem Jahr waren die deutsche Krimilady Ingrid Noll nominiert. Sie hatte allerdings starke männliche Konkurrenz: Bestseller-Autor Arnaldur-Indriðason (Island), Jo Nesbø (Norwegen) und den deutschen Thriller-Spezialisten Sebastian Fitzek. Der Berliner Bestsellerautor galt früh als Hauptverdächtiger für den Publikumspreis.

Der Europäische Preis für Kriminalliteratur ist übrigens mit 11.111 Euro dotiert. Das dürfte ungefähr der Summe in D-Mark entsprechen, die Petras Dominas in Onkel Albrechts Matratze vermutete.